01.07.2021 | von Redaktion

Neumann-Hartberger: Schule kann gesunde, nachhaltige Lebensweise als 4. Kulturkompetenz vermitteln

Ernährungsbildung ist Basis für das gesamte Leben.

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© Andrzej Rembowski auf Pixabay
Die Schule ist der Ort, wo Kinder für´s Leben lernen sollen, und was wäre dabei wichtiger als ihre eigene Gesundheit. Daher setzt sich die Arbeitsgemeinschaft Österreichische Bäuerinnen seit Jahren dafür ein, dass Ernährungs- und Konsumbildung fixer pädagogischer Lehrstoff in den Elementar- und Sekundarstufen aller Schultypen wird. Die Bedeutung der Schule bei der Vermittlung von Lebensmittel- und Ernährungswissen wurde gestern von bekannten heimischen Ernährungsexpertinnen im Rahmen des Online-LIVE-Talks mit mehr als 180 Teilnehmerinnen "Schule prägt Essgewohnheiten - es muss dort gelehrt werden" bekräftigt.

Das Wissen über Lebensmittel und eine gesunde Ernährung zählen zum Grundstock, den man seinen Kindern mitgeben kann. Doch wo sollen sie es lernen. Die Zeiten der Großfamilie, wo jeden Tag frisch gekocht wurde und eine Generation der anderen spielerisch gezeigt hat, wie man sich gesund ernährt, sind passe. Heute herrschen Arbeitsdruck und Zeitmangel. Convenience-Produkte, Fast-Food, Außer-Haus-Verzehr und Lieferservice haben stark zugenommen. "Dabei wäre gerade in der heutigen Zeit die Ernährungsbildung so wichtig, denn sie wirkt als Schutzfaktor vor Essstörungen und Stress und beugt Verunsicherungen im Rahmen der Ernährung vor", betont die klinische Ernährungsmedizinerin Angelika Kirchmaier. Daher kommt der Schule eine Schlüsselfunktion zu, Kindern Lebensmittelwissen und eine gesunde, nachhaltige Ernährungsweise beizubringen. "Wir essen im Schnitt dreimal täglich, in rund 80 Jahren sind das 90.000 Mahlzeiten! Da ist es wichtig, so früh wie möglich mit einer praxisnahen Ernährungsbildung zu beginnen", so die Expertin.

Neumann-Hartberger: Gesellschaft unterstützt Forderung nach pädagogischem Schwerpunkt Ernährungsbildung

"Die Vermittlung von Kompetenzen, die unseren Kindern das Basiswissen mitgeben, damit sie als Erwachsene für ihre Gesundheit richtige Entscheidungen treffen können, ist ein essenzielles Thema, das auch von den ÖsterreicherInnen unterstützt wird. In der KeyQUEST-Studie 'Bild der Landwirtschaft in der Gesellschaft' sprechen sich 98% der Befragten für einen stärkeren pädagogischen Schwerpunkt 'Ernährung und Konsumbildung' in den Pflichtschulen aus. Dabei sollen vor allem die Herkunft von Lebensmitteln, Umweltschutz, ein verantwortungsvoller Konsum sowie die Grundlagen der Ernährung gelehrt werden", zeigt die Vorsitzende der ARGE Bäuerinnen Irene Neumann-Hartberger auf. Voraussetzung dafür sind kompetente PädagogInnen. Der Lehrgang "Lebensmittelwissen“ wird von der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik in Wien angeboten, ebenso wie eine frei zugängliche Datenbank mit Unterrichtsmaterialien zum Thema. Die Bäuerinnen Österreich forcieren auch die Verankerung dieses Schwerpunktes in den Lehrplänen sowie in der PädagogInnenausbildung NEU.

Gruber: ÖsterreicherInnen mangelt es an Grundlagenwissen über Ernährung

"Ernährungsbildung ist ein Gebot der Stunde", meint auch Marlies Gruber vom forum. ernährung heute (f.eh). Sie hat mit ihrer repräsentativen Erhebung des Status quo die Defizite in der heimischen Bevölkerung zutage gefördert. So wissen beispielsweise 70% nicht, dass von allen Nährstoffen Fett am meisten Kalorien hat, etwa doppelt so viel wie Zucker. Die Ernährungsempfehlungen bei Obst und Gemüse kennt nur jeder Fünfte und den Nutzen von Ballaststoffen für das Halten des Körpergewichts jeder zweite Bürger. In Summe liegen die ÖsterreicherInnen mit ihrem Ernährungswissen im internationalen Mittelfeld. Durch den Anstieg ernährungsbedingter Zivilisationskrankheiten erhalte die solide und umfassende Vermittlung von Er-nährungswissen und -bildung bereits im Kindes- und Jugendalter gesamtgesellschaftliche Bedeutung. Dabei seien vielfältige Kompetenzen sowie eine kritische Auseinandersetzung und Reflexion notwendig, um ein entsprechendes Konsum- und Bewegungsverhalten entwickeln zu können.

Claudia Angele, Ass.-Prof. von der Uni Wien, betont die Wichtigkeit schulischer Ernährungsbildung, weil es sich um eine existenzielle Kompetenz für eine verantwortungsbewusste Alltagsbewältigung handelt. Damit meint sie den Erwerb der Fähigkeit, die eigene Ernährung unter den gesellschaftlichen Bedingungen politisch mündig und sozial verantwortlich gestalten zu können. Dieser Kompetenzerwerb setzt die Verknüpfung von fachtheoretischem und fachpraktischem Lernen über alle Alters- und Schulstufen in der Pflichtschulzeit voraus, darüber sind sich nationale und internationale ExpertenInnen der Fachdidaktik Ernährung einig. Wichtig ist in all diesen Konzepten von der Lebenswelt der Kinder oder Jugendlichen auszugehen.

"Wem die Kompetenz für eine gesunde Lebensweise fehlt, dem fehlt damit auch der Bezug zur regionalen Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion", zeigt Astrid Brunner, Kärntner Landesbäuerin auf, die als Stellvertreterin der Bundesbäuerin am LIVE-Talk teilgenommen hat, auf. Sie verweist damit auf einen Zusammenhang, der bei dieser Themaik nicht außen vor gelassen werden darf.

"Zu wissen, welche Arten von Produkten es gibt, wie die Rohstoffe von den Bäuerinnen und Bauern erzeugt und veredelt werden, welche wichtigen Ressourcen an Boden, Wasser sowie Wissen und persönlicher Einsatz darin stecken, erhöht auch die Wertschätzung für diese Produkte und die bäuerliche Arbeit. Gleichzeitig lehrt es die junge Generation den sorgsamen Umgang mit Lebensmitteln und wie deren Verschwendung vermieden wird. Das sind wesentliche Aspekte für ihr eigenes gesundes Erwachsenenleben und den Schutz der Umwelt und des Klimas. Eben dass, was wir uns alle für unsere Kinder wünschen", schließt Neumann-Hartberger.