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Kampf gegen Hunger braucht Frieden und Demokratie

IUFE-Diskussion zum Thema Ernährungssicherung in Zeiten des globalen Wandels
Anna Höllerer © Archiv
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Demokratie, Friede und stabilere landwirtschaftliche Strukturen sind Schlüsselfaktoren, um den Hunger in Entwicklungsländern einzudämmen. Darüber waren sich die Teilnehmer bei einer Podiumsdiskussion des Instituts für Umwelt, Friede und Entwicklung (IUFE) in Wien einig.
"Diktaturen sind schlechte Hungerbekämpfer", formulierte der Volkswirt Josef Nußbaumer von der Universität Innsbruck. "Bessere Infrastrukturen, sichere Besitztitel für Grund und Boden, mehr landwirtschaftliche Beratung und funktionierende Marktmechanismen könnten vieles zum Bessern wenden", zeigte sich IUFE-Vorsitzender,VP-NR-Abg. Franz Glaser überzeugt.
 "Hunger hat nicht eine, sondern viele komplexe Ursachen. Das macht Lösungen so schwer", stellte Nußbaumer fest. Ein Hauptfaktor sei das Wetter, zumal 80 % der Hungertoten durch Dürre verursacht seien. Außerdem seien praktisch alle Hungerländer 'failed states" im politischen Sinne, in denen es an Sicherheit und Friede sowie an demokratischen und rechtlichen Strukturen mangle.
 Zu den Hungertreibern zählen außerdem die gesunkene Lagerhaltung, der Ölpreis, der steigende Fleischkonsum in Schwellenländern sowie die Spekulation auf landwirtschaftliche Produkte. "Auch Subventionen können Hunger verursachen", fügte Nußbaumer hinzu. Zum richtigen Zeitpunkt können sie positive Effekte auslösen, wie es im Nachkriegseuropa der Fall war.
 Im Laufe der Jahrzehnte seien sie aber kontraproduktiv geworden. Nußbaumer machte auch darauf aufmerksam, dass im Jahr 2050 bereits 60 % der Weltbevölkerung mit Wassermangel zu kämpfen haben könnten.

 Glaser: Vor allem ländliche Regionen sind Hungerregionen
 "Weltweit hat jeder siebente Mensch nicht genug zu essen. Es ist geradezu skurril, dass in den Entwicklungsländern vor allem in ländlichen Regionen der Hunger grassiert", sagte Glaser.
 In seinen Augen sind der Kampf gegen den Klimawandel und das Überdenken des eigenen Konsumverhaltens entscheidend. Ein Drittel der Lebensmittel weltweit werde weggeworfen oder verderbe.
 
 Höllerer: Lebensmittel ohne Wert landen im Müll
"Lebensmittel haben einen Wert, auf den wir mehr aufmerksam machen müssen", betonte Bundesbäuerin NR-Abg. Anna Höllerer. "In Österreich landen 157.000 Tonnen Lebensmittel im Restmüll. Vor allem jüngere Menschen sind leichtfertige Wegwerfer, denen das Bewusstsein fehlt", zitierte Höllerer aus einer niederösterreichischen Studie. Sie trat für Änderungen bei der Angabe des Mindesthaltbarkeitsdatums und für die Förderung von Innovationen in der Direktvermarktung ein. Die Stellung von Frauen in Entwicklungsländern müsse gestärkt werden, so Höllerer. "Von ihnen wird die Landwirtschaft mehrheitlich getragen. Der Zugang zu Krediten oder zu eigenem Grund und Boden sind wichtige Voraussetzungen, um eine eigenständige wirtschaftliche Entwicklung zu stärken." Auch Höllerer machte darauf aufmerksam, dass bessere Straßen, Lager- und Transportmöglichkeiten in den Entwicklungsländern die Lebensmittelsicherheit deutlich verbessern könnten.

Wutscher: Lagerhaltung ausweiten, Preisschwankungen eindämmen
Als eines der größten Probleme wertete Werner Wutscher, Vizepräsident des Ökosozialen Forums, dass weltweit die Lagerhaltung von Ernteprodukten zurückgenommen worden sei.
"Lagerhaltung wirkt sich preisstabilisierend aus. Wir brauchen aber Antworten, um Agrarpreisschwankungen abzufedern, die den Hunger fördern." Subventionen seien nicht grundsätzlich abzulehnen, so Wutscher. "Es ist aber ein Unterschied, ob man Bergbauern und umweltgerechte Produktion fördert oder Exporte und Preise." Der weitgehende Abbau der EU-Exportsubventionen sei jedenfalls eine Erfolgsgeschichte. Für Afrika forderte Wutscher mehr Investitionen in die agrarische Forschung und Ausbildung sowie in die Infrastruktur. 40 % der Lebensmittel gingen allein beim Transport verloren. Auch "Landgrabbing" werde ein immer größeres Problem. Er wies auch auf Erfolge im Kampf gegen den Hunger hin. So konnten beispielsweise China, Indien oder Ghana ihre Zahl von Hungernden deutlich senken.

 Okonkwo-Klampfer: Mehr Mitsprache bei EU-Agrarreform
 Neben der Verantwortung des Einzelnen sei im Kampf gegen den Hunger politische Verantwortung notwendig, stellte Karin Okonkwo-Klampfer von der Bergbäuerinnen-Vereinigung Via Campesina fest. Große Erwartungen knüpft sie in diesem Zusammenhang an die bevorstehende Reform der EU-Agrarpolitik, für die sie mehr politische Mitsprache für Nicht-Regierungsorganisationen einforderte. Im Mittelpunkt sollte das Prinzip der Ernährungssouveränität stehen, so Okonkwo-Klampfer. "Die landwirtschaftliche Produktion soll die Lebensbedürfnisse aller befriedigen, ohne anderen Menschen Schaden zuzufügen. Wir brauchen einen stärkeren Fokus auf die lokale Lebensmittelversorgung und -produktion sowie auf die Direktvermarktung."

 Dem Thema Ernährungssouveränität war eine umfangreiche Fachtagung gewidmet, die am IUFE in Wien stattfand. Fachleute aus Landwirtschaft und Entwicklungszusammenarbeit diskutieren dabei über Auswege aus der Hungerkrise und über Modelle zur Stärkung der Ernährungssicherheit in Zeiten des globalen Wandels.


Autor:
Redaktion
09.11.2012